Es gibt so viel, was diesen Freundeskreis, der mit seit genau einer Stunde an wieder fehlen wird, besonders macht. Eine Sache sind die Geschichten.
Es ist wie in How I Met Your Mother, uns umgibt eine eigene kleine Welt mit Anekdoten und Skurilitäten, einige sind schon fast zu Legenden geworden und bei keiner anderen Gruppe von Menschen, in denen ich mich bewege, gehören sie so sehr dazu, wie hier.
Heute sind wir zum vorerst letzten Mal für mich zusammengekommen, wir haben in A.s gemütlicher Wohnung, die erwachsen aber nicht einschüchternd eingerichtet ist, haben alkoholfreien Sekt mit Johannisbeersaft getrunken, Tiefkühlpizza und Süßigkeiten gegessen und gestrickt. Das heißt, die anderen haben gestickt. Ich habe schon vor Jahren beschlossen, dass Stricken und Häckeln nicht mein Sport sind und ich vielleicht gerne nähen lernen möchte, aber von dieser Fadenmagie lieber die Finger lasse. Statt dessen habe ich einfach nur auf A.s urgemütlicher Liegewiesencouch geflenzt, war glücklich und habe alles in mich aufgesogen.
An Geschichten ist zusammengekommen: Meine Mutter hat eine skurrile Nazi-Post aus den USA auf ihrer Arbeit bekommen, L. wurde auf einer Besprechung in ihrem von einem Pferd unterbrochen, das einfach zum Fenster hineinsah, A. ist heute unfreiwillig in eine Vorschule eingebrochen und die andere A. hat heute nichts erlebt, konnte mir dafür aber erzählen, dass sich einst ein junger Mann in sie verliebte, als sie ihn in einem Café vermeintlich heimlich gezeichnet hatte.
Wir müssen uns alle mehr Geschichten erzählen.
Ich habe das schon so oft gemacht, zu Besuch in meiner Stadt den Erinnerungen nachgehangen und sie zusammengesammelt, dass ich mir mittlerweile mit innerlich hochgezogenen Augen dabei zusehe, lässig an eine Wand meines Inneren gelehnt, leicht mit dem Kopf schüttelnd.
Ich fahre durch die Straßen, zum letzten Mal bevor der Zug mich morgen wieder wegbringt und sammele. Hier habe ich Silvester gefeiert, bei der Mathelehrerin mit ihrem Papagei und der ukrainischen Austauschschülerin die meine Freundin wurde, kurz vorher hatte ich wild mit diesem Jungen rumgeknuscht ohne zu ahnen, dass es das letzte Mal sein würde. Hier habe ich mal...
Während ich mir dabei zusehe, beim Zusammensuchen von Erinnerungen, fällt mir etwas anderes ein. K. und ich auf dem kleinen Rasen vor meinem Balkon im Plattenbau, in Straßburg. Es war ein warmer Sommertag, wir waren mit einer Decke nach draußen gegangen und ich konnte nur daran denken, dass jetzt dieser Ort, der Rasen vor meinem Balkon, mit einer Erinnerung besetzt sein würde. So einsam war ich damals.
Schon wieder gehe ich durch das Viertel, meiner Stadt, mein Viertel, in dem ich aber nie gewohnt habe, meiner Stadt, in der ich nicht mehr wohne und wieder war es ein großartiger Abend bei großartigen Freunden, mal wieder der letzte vom Urlaub, und auch das bisschen Wehmut beim letzten Spaziergang zurück zum Parkplatz, beim Nachfühlen wie es war, hier zu leben und beim kurz vorstellen, wie es wäre, wieder hier zu leben. Und auch das hinterherdenken von Erinnerungen, dass durchatmen, schlendern und in mich hineinhorchen, wie aufgewühlt all das Heimweh denn gerade macht, sind nicht mehr neu. So lange bin ich schon weg.
Und ich steige in das Auto meiner Mutter und es läuft dramatische, italienische Musik und der Moment wäre so schon wertvoll gewesen, aber jetzt passt auch noch der Soundtrack zum Augenblick, wie selten ist das. Gut, es ist nur Andrea Boccelli, das ist zu kitschig, um wirklich perfekt zu sein, aber wenigstens ist es italienisch.
Und ich mache die Scheibenwischer an und ich parke aus und ich werfe mir im Rückspiegel einen Blick zu und wünsche mir kurz, dass meine Augen dunkler geschminkt wären.
Es gibt so viel im Moment, über das ich reden und nachdenken muss.
Ich stehe in der Küche und schneide Gemüse und danke darüber nach, wie sicher ich mir einer Beziehung sein müsste, wie sicher dass alles bis in die Ewigkeit bleiben soll, bis ich ein Kind bekommen möchte.
Dann fällt mir ein, dass F., eine Freundin schwanger ist. Der Vater ist nicht da, er ist weg, in einem anderen Land, einem anderen Kontinent und mit dem Herzen ist er auch nicht richtig bei der Sache. So viel ist passiert in dieser fernen Stadt, alles hat sich geändert und jetzt soll sie einen Praktikumsbericht darüber schreiben. Wie absurd.
Aber sie ist ruhig und glücklich und sieht überhaupt nicht nach der Katastrophe aus, für die ich ein Baby ohne funktionierende Partnerschaft bisher wohl gehalten habe. Und ich will mit ihr an einem Tresen sitzen, ich will dass wir beide einen dampfenden Tee vor uns haben und ich will sie fragen: Wie ist das? Wie machst Du das? Wie siehst Du das alles?
Und dann will ich alles hören, von der Angst und von dem Glück, davon was hätte besser sein können und davon, wie gut es so ist. Wir haben zusammen schon über Sorge- und Umgangsrecht gesprochen und wie gut man sich alles überlegen muss.
F. wird einen Jungen bekommen. Das ist ein bisschen schade, denn ich habe mir eben gerade ausgedacht, dass ich gerne "Riot GRRRL" auf ein Babyshirt sticken würde. Aber natürlich braucht genau das die Welt. Jungen, die von Menschen wie uns aufgezogen werden.
Und da ist diese Sache, die sie gesagt hat, die mich an etwas erinnert was ich schon fast vergessen hatte. Ein Bild, an dem ein Gefühl hängt. Wir legen auf und ich überlege kurz, wo ich damit jetzt hinsoll. Mit dem Bild und dem Gefühl.
Ich will es malen. Es soll auf Papier sein. Dann muss ich überlegen, welches Skizzenbuch ich nehme, falls jemand es durchblättert und das Bild sieht. Falls es so wird, wie ich es mir vorstelle. Irgendwann bin ich zu einem Menschen geworden, voll von Gefühlen und Bildern die lieber ungesehen bleiben sollen. Ich frage mich, wann.
Private Tragödien haben die fast verlorene, beste Freundin zurück in mein Leben gespühlt und Gedanken an sie, Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, begleiten mich durch diese Tage.
Erinnerungen an ihre spezielle Stärke, die zwischen den vielen Tränen so plötzlich auftaucht und so grundsolide ist, dass man stets von neuem fast überrascht ist. Obwohl sie ihr so gut steht, die Stärke.
Ein fremder Mann, gestern auf dem CSD hat mich "Amazone" genannt, schmunzelnd und ich hab ihn angelächelt. "Wir waren wirklich wie Amazonen", denke ich dann; wie wir auf unseren Fahrrädern jeden Tag durch das Feld, durch den Wald, durch die Wiesen zur Schule gefahren sind, den gesamten Schulstoff für Prüfungen und unser gesamtes soziales Teenagerleben durchgegangen sind. Das gemeinsame Geschichtsprojekt haben wir über Amazonen geschrieben, wir haben über eine Staatsgründung gewitzelt; sie die Königin, ich die Hohepriesterin; und haben auf unseren Fahrrädern die ersten Lieben, die letzten Schulhoffeinde, und die ersten richtig schlimmen Krisen durchgestanden. Zusammen.
Niemand kennt mich wie sie und in diesen Stunden, in denen wir jetzt telefonieren und chatten, wird mir bewußt, dass sie mir mehr gefehlt hat, als ich dachte. Sie hat mir so gefehlt.
Wenn diese Geschichte schlecht für sie ausgeht, werde ich meine beste Freundin zurück bekommen. Für gewisse Zeit, zumindest.
An die Amazonen muss ich manchmal noch denken, immerhin standen sie am Anfang eines Weges, der mich jetzt in meine berufliche Zukunft führt. Manchmal steht auch eine von ihnen hinter mir und schüttelt über mich und mein Verhalten den Kopf. Manchmal, zwinkert mir eine zu, meistens in Momenten in denen ich mich frage, ob ich in einem Streit nicht lieber hätte nachgeben sollen.
Einen Monat war ich in der schönen Märchenstadt und bin nun zurückgekehrt, in die Stadt, in der sich meine Wohnung, meine Uni, per Definition also gerade mein Leben befinden.
Es ist ein bisschen komisch, wieder hier zu sein und nicht zu wissen, was ich damit anfangen, wie ich mich fühlen soll. Nach einem Monat Märchenstadtromantik hat unsere Liebe auf Distanz wieder ihre charakteristische Eigenschaft zurück: die Distanz. Skype statt Küssen. Handy statt kuscheln.
Ich bin wieder hier, freue mich über meinen Kram, meine Küche, den zaghaft herbeischleichenden Frühling, die Gesichter von denen, die noch nicht ganz Freunde sind, aber schon liebgewonnen. Ich spaziere durch mein Viertel und konzentriere mich auf die Frage, wie ich mich fühle - hier. Ich entdecke Gedanken wieder, die ich einen Monat lang nicht hatte. Wie wohl ich mich in meinem Viertel fühle, wie mich das freut.
Ich verwandle mich, denke ich, B-Phae ist anders als S-Phae, ein anderes Set an alltäglichen Tätigkeiten, gesprochenen Sätzen, Gedanken, Gefühlen. Dieser Wechsel zwischen zwei so verschiedenen Orten, an beiden bin ich irgendwie ein bisschen zu Hause, an keinem richtig, lässt mich spühren, wie ich mich verwandele. Ein bisschen macht mir das Angst, ein paar der Gefühle der letzten Wochen möchte ich gerne behalten. Und wann, in all diesem Verwandeln, wann bin ich denn richtig ich?
Nach einem Monat Abwesenheit bin ich wieder zurück in der Stadt, in der meine Wohnung ist. Worauf ich mich am meisten gefreut habe:
- Nagellack
- Meine Küche mit Kühlschrank (da wo ich war, war er kaputt)
- Meine Bücher
- Meine Kleidung, insbesondere Frühlingsröcke (mehr als in einen Koffer passt)
- Mein Tagebuch
Er ruft nur kurz mal an um mir zu sagen dass er mich liebt.
Ich sehe mir eine Weile mit an, wie die junge Frau, fast schon eine Freundin aber nur fast, neben mir zwei ihrer drei Kinder auf dem Schoß zu halten versucht. Das ist nicht so leicht, der ältere ist zu klein um zu verstehen, dass er sich nicht auf das Baby rauflehnen darf, er quengelt, sie jammert, die Mutter ist gestreßt, der Ton wird harsch.
"Na, kann ich dir helfen, wollen wir sie mal umsetzen?", frage ich schließlich.
Ich weiß nicht, was ich gedacht habe, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass ich auf einmal das Baby auf dem Schoß habe. "Danke", sagt die Mutter erleichtert und flumscht mir kurzerhand 5 Kilo warmes Babygewicht in die Arme, so schnell kann ich gar nicht gucken. Wusch, und ich hab ein Baby auf dem Schoß, zum ersten Mal seit langem und merkwürdig unerwartet. Die Probe, die um mich rum weitergeht ist für mich gelaufen, ich halte das Kind fest und bin davon völlig in Beschlag genommen. Wow. Ich wiege ein bisschen, ich streichele das Köpfchen, ich bewundere die großen, runden Augen die alles staunend fasziniert und noch völlig wertfrei aufnehmen. Später lerne ich, dass sie noch zu klein ist um zu fremdeln, ein paar Monate später kann Mama sie nicht mehr ungestraft völlig Fremden in die Arme drücken ohne dass es Tränen gibt. Noch aber bin ich nur neu und spannend, nicht fremd und bedrohlich, ich werde bestaunt, ein bisschen befühlt und besabbert, dann wohlwollend ignoriert, weil die Wasserflasche, die Luft, der eigene Fuß schließlich irgendwie spannender sind.
Und ich bin ganz beeindruckt davon, wie mich das beeindruckt, ein Baby zu halten. Wie ich unglaublich glücklich werde, und das zu seiner Zeit und einer Situation in der ich noch 5 Minuten vorher gedacht hatte, glücklicher könnte ich kaum sein. Dann das. Nur wegen so einem Minimensch, dem ich jetzt leise die geprobten Stücke ins Ohr singe, aber nur die schönen Stellen.
Das kleine Geschöpf lässt sich alles gefallen, strahlt Wärme aus und selbstverständliche Zufriedenheit. Und ich streichle den Kopf, frage mich was aus ihr mal wird und stelle fest, dass Menschen etwas so wunderbares sind. Und auf einmal erscheint es mir irrsinnig, lächerlich absurd, dass es Gedanken gibt, jemand könnte nicht "der richtige" sein oder man könnte "jemanden nicht genug lieben". Menschen, Baby, that's it. Schon ziemlich wunderbar.
Die kleinen Wünsche. Heute ist einer in Erfüllung gegangen: Ich wollte schon immer eine Freundin haben, die auch Friseurin ist.
Bis richtige Freunde aus den Menschen werden, die wir so treffen, in der Uni beispielsweise, wenn der Sportkurs ausgefallen ist und man statt dessen zusammen einen Kaffee trinken geht - bis das richtige Freunde werden, das mag dauernBlockieren. Bis dahin aber ist das nette Mädchen, das Molekularbiologie studiert auch mal Friseurin gewesen, zeigt mir, wie ich mir meinen Pony selbst schneiden kann, was für 4 Grundhaartypen es gibt und redet mit mir über Shampoo. Ich bin beeindruckt, dass sie nicht nur Molekularbiologie kann, sondern auch wirklich was richtiges und hocherfreut, dass ich sie kenne. "Klar, komm vorbei. Auch wenn Du willst, dass ich Dir die Haare richtig schneide, ich mach das voll gerne." Genau so wollte ich das.