Wie schwer es mir auch einfach mal fällt, Leute einfach anzurufen, mit keinem Vorwand, außer dass ich gerne mit ihnen reden will. Oder mit jemandem.
"Das war toll, das machen wer jetzt öfter!" sagt sie, als sich mich drückt und in die Nacht hinausgeht. Sie ist der erste Mensch mit sächsischem Akzent, den ich mag. Ich hab eigentlich gehofft, dass die Menschen, die in diesem Teil der Welt meine Freunde werden, gänzlich andere Akzente haben, bin aber gut dabei, mich damit abzufinden. Und wenn sie französisch spricht, dann merkt man es ja auch gar nicht. Wichtig ist jetzt, in diesem Moment, in dem sie in die Nacht stapft nur, dass sie meine Freundin wird. Jetzt gerade. Eine richtige.
Anderswo ist jemand das schon sehr lange und trotzdem ist es nicht leicht. Ich glaube, ich habe eine Aufgabe, als Freund, ich werde gebraucht und es klappt aber nicht so richtig. Manchmal ist es so leicht, stundenlang zuzuhören und das richtige zu sagen, und manchmal... da will es nicht funktionieren. Das macht mich befangen, über Ländergrenzen hinweg.
Ich mag die Geschichte von L., einem der sozialkompetentesten Menschen die ich kenne. Eines Tages bekam L. eine Sms von ihrer Mitbewohnerin. "Es ist Schluss. Ich komme nach Hause. Es geht mir schlecht, aber ich will nicht reden". Sie haben nicht geredet. Aber als die Mitbewohnerin nach Hause kam, hatte L. die Wohnung geputzt, Blumen besorgt und sie fand ihr Bett frisch bezogen vor. L. hat ihren Wunsch respektiert, nichts zu sagen und hat trotzdem einen Weg gefunden, sie zu trösten und ihr ihr Mitgefühl zu zeigen.
Seit Tagen überlege ich, was ich tun könnte. Auf welche Weise kann ich das Bett von diesem Freund frisch beziehen?
Auf einer Parkbank in der Sonne hab ich X. kennengelernt.
(Es ist auf belustigende Weise lächerlich, seinen Namen nicht einfach auszuschreiben. Wie viele Vornamen beginnen schon mit einem X?)
Er hat mich erst um Feuer gebeten, dann um Wasser. Dann hat sich auch auf die Parkbank gesetzt und wir haben uns unterhalten.
X. ist ein - man sagt wohl Lebenskünstler. Jemand, der unstet zwischen den Städten hin und her reist, der ein paar Jahre in Paris, ein paar in London, in Lille, in Rennes, in Brüssel und was weiß ich, wo noch verbracht hat, der ein bisschen Kunst studiert, dann ein bisschen Philosophie, sich mit irgendwelchen Jobs durchschlägt. Den man beneidet, weil er frei ist und ungebunden, und mit dem man nicht tauschen will, weil er verloren wirkt, und wurzellos.
Das mit der Lebenskunst scheint X. nicht so gut hinzukriegen. Gleich zu Anfang erzählt er mir von seiner Kokainsucht. Ist jetzt aber vorbei, sagt er schnell. Jetzt ist er dafür alkoholabhängig. Den Beweis dafür hab ich die ganze Zeit in meiner Nase. Was zwischen dem Paper eingerollt ist, das er nebenbei raucht, frage ich gar nicht erst. Vielleicht nur Tabak.
Wir unterhalten uns. Das ist nicht ganz leicht, X. gestikuliert viel, redet zu seinen Füßen, verfällt mitunter in schnelles Murmeln. Dann verstehe ich ihn besonders schlecht, er hat das schon gemerkt und versucht es auf englisch. Das klappt vor allem deswegen besser, weil er so gezwungen ist, langsam zu sprechen.
Er erzählt mir von Nietzsche und breitet ein Theoriegebilde vor mir aus, dem ich nicht ganz folgen kann. Es geht um das Gute und das Böse, um tranzendente Macht und irgendwelchen Zusammenhängen von allem. "Und wie siehst du das?" Das trifft mich eiskalt, ich bin sprachlos und unfähig. Wie ich das sehe, mit dem Guten und dem Bösen? Woran ich glaube? Ich stottere, nichts fällt mir ein und wäre wahrscheinlich weniger verlegen, hätte er sich nach meiner Lieblingsstellung erkundigt. Zumindest schlagfertiger.
Ob ich mal ins Kino mit ihm gehen würde? Ohne Alkohol dann, ehrlich. Er gibt mir seine Mailadresse.
Als ich nach Hause will, kommt er ein Stück mit und trägt eine meiner Einkaufstüten. Wir gehen durch die Sonne, reden über Musik und über Lieblingstiere und auf einmal flutscht alles. Die Sprache, die Kommunikation, das Lachen, es ist ganz leicht. Als wären wir zwei Teenager, die sich schon lange kennen. Er ist auch neu in der Stadt und hat schon viele Freunde. Er fragt mich, wie es bei mir damit läuft. Nicht so. "Wie machst du das?", frage ich. "Wie lernst Du Menschen in einer fremden Stadt kennen?" Er sagt, er spricht einfach die an, die ihm gefallen. Er will es mir beibringen.
Jetzt sitze ich hier, mit dieser Mailadresse. Meine Mädchenalarmglocken klingeln ein bisschen. Eigentlich spielen Mädchen wie ich nicht mit den drogensüchtigen Landstreichern. Eigentlich sollte ich mir nette Freunde suchen, Studenten der Medizin oder Kommunikationswissenschaft, sehr ehrgeizig und sozial engagiert.
Was auf der anderen Seite steht, muss ich gar nicht aufzählen. Ich schreib ihm jetzt.
Well... The past is gone. I know that. The future... isn't here yet, whatever it's going to be. So, all there is is... is this. The present. That's it.
Das hat Bill Murray gerade in "Broken Flowers" erzählt. Das ist jetzt weder der Weisheit noch der Originalität letzter Schuss, aber es ist gerade sehr aktuell. This is it.
Vor wenigen Tagen habe ich in einer Bar gesessen, mit Einheimischen dieses schönen Landes, und den ganzen Abend kaum was verstanden. Ich weiß, ich muss - und das erweist sich als anstrengend - jetzt wieder einen Ort, also eigentlich die Menschen, suchen, wo ich hineinpasse. Vielleicht nicht unbedingt einen, wo ich von Anfang an dazugehöre, aber einen, wo ich dazu gehören kann, wo es passt, ohne dass man zu viel biegen und quetschen muss.
Der Vergangenheit hinterherzutrauern, wo es ziemlich gut gepasst hat, hilft da nicht. This is it. Now.
Es wird Frühling in Frankreich. Ich darf nicht vergessen, was daraus zu machen.
Postkarten hänge ich an meinen Schrank. Manche sind aber so schön, dass ich mir den Text vorher abschreibe. Diese zum Beispiel.
...Von S. hoffentlich in unserem Namen gedrückt, reichen wir nun unsere Wünsche an dich nach. Herzlich wünschen wir dir: Frische Luft, ein selbstausleerendes Haarsieb, warme Füße, ein spendiertes Erdbeereis, Lesespaß, eine Barfuß-im-Regen-tanz Situation, Sonnencremeküsse, kurze Schlangen an der Supermarkkasse, starke Abwehrkräfte, dass die Postkarte ankommt, Schmuzelsituationen, einen Virus auf deinem digitalen Bilderrahmen, einen knackigen Salat, einen Prinzen auf nem weißen Pferd/ wahlweise einem roten Fahrrad. ...
Sie liebt,
immernoch oder besser schon wieder und ich habe daran teil. Sie leidet, doch sie tut das auf eine, wie mir scheint, sehr gesunde Weise. Ausgiebig nämlich und bewußt, mit viel Kommunikation darüber. Das mag nicht als vorteilhaft gelten, ist aber heilsam. Früher oder später, zumindest. Hoffentlich.
Gestern, als ich ihr zugehört hab, als ich hätte schlafen sollen - und es gerne gemacht habe, sehr - kam mir der Gedanke, dass sie ist, wie die Prinzessin aus dem Froschkönig. Wie diese ihre goldene Kugel, ihren Schatz immer wieder hoch in die Luft wirft - so macht meine Freundin das mit ihren Gefühlen. Sie gibt sie nicht vorsichtig und widerwillig aus den Händen und kullert ein bisschen damit herum. Sie wirft sie hoch in die Luft, wieder und wieder.
Und wenn sie in den Brunnen fallen, fasst sie sich ein Herz, springt hinterher und badet die Sache aus. Danach spielt sie weiter. Hoch und höher.
Das mag leichtsinnig wirken, aber ich bewundere ihren Mut und ihre emotionale Lebensfreude. Genau so sollte man mit goldenen Kugeln umgehen.
In meinem Freundeskreis passiert der Sommernachtstraum. Es wird viel geliebt - doch leider in Kombinationen, die nicht funktionieren wollen. A liebt B, B liebt C, C liebt D. Was A und B in gewisser Hinsicht im gleichen Boot sitzen lässt, sie können sich gegenseitig trösten.
Da wir Deutschlands geistige Elite (und natürlich Deutschland überhaupt) sind, ist uns die thematische Nähe zu Shakespeares Komödie natürlich nicht verborgen geblieben. Wir sind sogar unabhängig drauf gekommen.
Sehr gefiel mir der Ausspruch dazu von B.: "ich hab mich gefragt, wer ist eigentlich der, der immer weiß wer wirklich zusammenpasst und dann alle solange verwirrt bis am ende alles klar ist?"
Denn, "in den ganzen filmen", erklärt er weiter, "wissen doch immer alle von anfang an wer zusammen gehört und wir hatten schon festgestellt, das das eigentlich sehr kompliziert ist."
Was für ein Ansatz. Der gefällt mir. Eigentlich steht das glückliche Paar die ganze Zeit fest. Man muss nur einen Schritt zurück treten und genau hinsehen; Erkennen, was alle Kinozuschauer die ganze Zeit wissen. Wer mit wem?
Es ist lange her, ich hatte gerade mit dem Studium angefangen, ich war unglaublich verliebt, da hatte ich eine Version von meinem Auslandssemester. Ich weiß noch, ich habe mich gesehen wie ich in einem Zimmer sitze, mit Lichterkette an der Wand und viel Deko, vom Schreibtisch kann ich durch das Fenster auf die Straße der belebten Stadt sehen, hinter der offenen Tür in meinem Rücken tobt eine WG Party.
Die Stadt war in dieser Vision London, was natürlich keinen Sinn macht. Immerhin war ich für ein Französischstudium eingeschrieben. Trotzdem habe ich mich da gesehen: Die britische Großstadt, der Schreibtisch, die Lichterkette.
Ich habe einen Brief geschrieben und ich habe /ihn/ furchtbar vermisst. Darum ging es natürlich in dieser Version, der Gedanke, dass ich irgendwann ein halbes Jahr weg bin und er mir sehr fehlen wird. Und ich habe mich darauf gefreut, ihn so vermissen. Mir muss das romantisch vorgekommen sein.
Jetzt sind drei Jahre vergangen, mein Auslandssemester ist ein Auslandsjahr und die fiktive englische Stadt ist eine ganz reale französische geworden. Der Mensch, der mir heute fehlt, ist jemand anders, genau wie das Gefühl und das Drumherum. Was geblieben ist, sind die Briefe und die Blicke aus dem Fenster. Und so fällt mir manchmal, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und aus dem Fenster sehe - ein unbelebter Hinterhof, keine lebendige Straße - das Bild von damals wieder ein. Und was draus geworden ist.
Vielleicht sollte ich mir eine Lichterkette besorgen.
Wie schön, wieder hier zu sein. Ich bin wieder da, ich habe wieder einen Zugang ins Internet, ich werde von jetzt an bestimmt wieder öfter schreiben. Was bin ich froh.
Erstmal den Schreibtisch aufräumen und endlich in die Öffentlichkeit abgeben, was hier wochenlang herumlag.
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Briefe schreiben, an den Tenor. Dabei „Death Cab for Cutie“ Und es passt so sehr zueinander, die Musik, die Situation, das Gefühl. Sogar der Text, in dem kurzen Moment, als ich darauf achte.
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Warum ist es so, dieser Schwung Kreativität, die gelebt werden will? Und die immer dann kommt, wenn es gerade Zeit ist, ins Bett zu gehen? Warum? Wenn die Musik so gut ist und die Fotos so schön, wenn die Ideen angeflogen kommen. Warum muss ich jetzt ins Bett? Ich liebe Schlafen, aber ins Bett gehen suckt.
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Mein Regenschirm ist kaputt und das macht mich wütend. Weil er teuer war und hübsch, weil ich ihn sehr mochte. Weil es so oft regnet, in dieser Stadt und weil ich es mag, wenn es regnet. Weil ich meinen Regenschirm mag.
Vor allem aber macht mich wütend, dass er eigentlich nur an einer Stelle kaputt ist. Nur eine von den kleinen dünnen Metallstreben ist zerbrochen. Zu 99% ist er noch vollkommen in Ordnung und trotzdem muss ich ihn wohl wegschmeißen. Wie ärgerlich das ist. Irgendwas ist mit dieser Welt nicht in Ordnung.
Ein Freund singt ein Solo in einem Lied und schickt es mir. Die Datei liegt noch auf meinem Desktop und eben habe ich sie eigentlich nur angeklickt, weil ich Lust auf Musik hatte und mit dem langsam hochfahrenden Rechner sonst noch nichts machen konnte.
Jetzt merke ich, wie schön es ist, nicht nur Fotos, sondern auch die Stimme von wichtigen Freunden aufgezeichnet zu haben und von Zeit zu Zeit hören zu können.