Lieblingsmenschen
Es gibt diesen Spruch, den jeder kennt. Dass richtig gute Freunde die sind, die man tausend Jahre nicht gesehen hat, dann trifft man sie wieder und es ist, als wär es erst gestern gewesen.
Laberrhabarber.
Das mag ja sein und das ist bestimmt auch ganz toll. Tatsache ist aber, dass es auch richtig gute Freunde gibt, mit denen das eben nicht passiert. Ich habe eine Freundin, die mir damals in den ersten Tagen an die Seele gewachsen ist. Ich war so von ihr begeistert, dass ich damals von drei unabhängigen Personen gefragt worden bin, ob ich in sie verliebt sei. War ich wohl auch, platonisch. Nur dass es bei Platon um seelische Schönheit geht, und nicht darum, wie unglaublich cool jemand ist. Sie war und hatte beides.
Cool im Sinne von toll, ungewöhnlich, witzig, begeisternd, berauschend. Nicht im Sinne von lässig und unbeteiligt.
Es hat einfach gepasst, nach dem Kennenlernen liefen wir schnell zur jovialen Höchstform auf. Ich glaube, wir hatten unglaublich viel Potential füreinander und haben es intensiv ausgeschöpft. Wir hatten eine großartige Zeit.
Die ist vorbei. Sie ist weg, sie meldet sich wenig, sie lebt ihr Leben eben da, wo sie gerade ist. Wir mögen uns, sie ist mir noch wichtig. Aber wenn wir uns sehen, dann ist da diese Verlegenheit, das Gefühl, als hätten wir total viel zu sagen. Aber eben nicht uns. An sie denke ich traurig, wenn ich diesen Spruch hören muss, mit den Freunden, die reden, als wäre es gestern.
Mit den Freunden von heute Abend, dem "Juno"abend, ist es anders. Es kann sein, dass wir sind, als wäre es gestern gewesen. Ziemlich. Aber viel mehr sind wir, als reiche das heute nicht. Wir waren gestern zusammen aus, wir waren heute Vormittag brunchen, heute Abend dann dieser Film. Und ich fuhr nach Hause und hatte noch nicht genug geredet.
Ich glaube, die Freunde, mit denen nie genug geredet hat, sind auch ziemlich toll. Das sollte mal jemand gesagt haben.*
* Und ja, ich habe den Zusammenhang zu "ich bin nur glücklich, weil ich mehr davon will" bemerkt. War ja auch leicht. Hab aber trotzdem mit beidem recht, sowas geht im Blog und in der Psychotherapie.
Sie ist schon so ein bisschen eine Lady. Sie schreibt Postkarten, auch wenn sie gar nicht weggefahren ist, sie bringt hin und wieder Blumen mit, um sich für ihr ständiges zu spät kommen zu entschuldigen, oder einfach so, sie und ihre Wohnung haben Stil und sind echt schick. Die Möbel sind weiß, die Bücher in ihrem Regal Weltliteratur, an den Wänden keine Poster, sondern Kunst. Sie mag Kunstbände und Jazz, sie sagt "meine Liebe" und wenn sie uns zu sich einlädt, gibt es mindestens drei Gänge. Sie geht gerne ins Theater und damit meine ich, dass sie es nicht nur theoretisch gerne mag, so wie ich, sondern dass sie wirklich oft hingeht.
Sie wird Hauptschullehrerin.
Das hat mir Sorgen gemacht. Wie ihr Stil da wohl hinpasst, wie sie sich durchsetzen wird, wie bestehen. Kinder können so grausam sein. Im Café, in das wir nach dem Theaterbesuch gegangen sind, hat sie mir erzählt, dass sie das Gefühl hat, als Hauptschullehrerin viel wichtigere Arbeit leisten zu können. "Da sind doch die Schüler, bei denen das wirklich wichtig ist, dass sie gute Lehrer haben." Eine wichtige Aufgabe. Eine Herausforderung. Mir hat ihre Einstellung Mut gemacht, in meiner Sorge um sie.
Zuversicht klingt so oft so naiv. Aber was sonst bleibt den Jungen übrig?
Ich darf mit Freude berichten, dass der Tenor und ich das mit der Trennung ziemlich gut hingekriegt haben und uns auf bestem Wege zum Freunde-bleiben befinden. (Wobei das Berichten wirklich sekundär ist - ich freu mich halt wirklich sehr, dass es so ist.) Es gibt weiterhin Kontakt, wir telefonieren und chatten, leiten emotionale Bewältigungarbeit und quatschen über Nichtiges.
Der Tenor: hihi, der nichtlustig
Phae: Mist, ich hab ihn gelesen und schon wieder vergessen :)
Der Tenor: wie kann man sowas vergessen?
Phae: naja, ich les jeden Tag Dutzende Blogeinträge und hab 4 oder 5 Webcomics abonniert, von denen ungefähr drei täglich posten
Der Tenor: achja, du musst ja arbeiten, ich vergaß
Phae: ...
[...]
[Phae: darf ich das bloggen? :D
Der Tenor: du darfst alles bloggen was du willst
Phae: uh
Phae: Du hoffst heimlich auf einen glorreichen Auftritt in meinem geheimen Sexblog, oder?
Der Tenor: *lol*
Es ist krass, dass man so oft im Leben keine Ahnung hat, dass man etwas zum letzten Mal tut.
"Und Dein Blog hab ich auch aus meinen Bookmarks gelöscht, du kannst jetzt wieder völlig frei schreiben." Der Tenor und ich haben uns heute morgen getrennt. Einvernehmlich, kann man wohl dazu sagen.
Das mit dem völlig freien Schreiben, überlasse ich im Moment doch lieber meinem altmodischen Tagebuch, das erlebt sowieso gerade ein Revival. Und jetzt bin ich ja mal gespannt, ob Deutschland an so einem Tag gewinnen kann.
May you be satisfied to never know why
Sometimes, someone just wants to die... - hat Damien Rice gerade im Radio gesungen.
Dass Internetradio immer intelligenter wird und weiß, was ich hören will, das hab ich schon mitbekommen. Aber das es sogar Empathie besitzt... man man.
"Der Selbstmord" ist ein Werk von Emilie Durkheim, ein Klassiker der Soziologie und wird den jungen Studenten gerne als Musterbeispiel für eine sozialwissenschaftliche, empirische Studie empfohlen. Durkheim sagt, dass es vier Arten des Selbstmordes gibt: den fatalistischen, den anomischen, den altruistischen und den egoistischen.
Meine beste Freundin M. sagt, dass Selbstmord immer egoistisch ist. Selbst in Kulturen, in denen es zum guten Ton gehört, sich in unangenehmen Situationen das Leben zu nehmen, um die Familie die Schande zu bewahren, hat man doch immer die Wahl. Wenn man sich für den Tod entscheidet, macht man das für sich, für die Angeörigen ist das nie das beste, sagt sie. Nie.
In ein paar Tagen bin ich mit Freunden verabredet, S. den Farbenfreund auf dem Friedhof zu besuchen.
Ich kenne jemanden, der hat schon zweimal hintereinander seinen besten Freund verloren, weil beide sich umgebracht haben.
Ich habe gerade erfahren, dass ein Freund guter Bekannter, ach, was weiß ich denn, seit einem Monat im Wachkoma liegt, weil er aus irgendwelchen Gründen einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Er hat eine Freundin hinterlassen, die per Mail davon erfahren hat. Sollte er je wieder zu sich kommen, wird er für immer ein Pflegefall bleiben.
Ich habe eine B.A. Arbeit zu schreiben.
Dass ich O. nur mag, weil sie aus Frankreich kommt und mir ständig mit irgendwelchen Prüfungsvorbereitungen oder Bewerbungsschreiben (Im Moment eher letztes) helfen muss, ist ein Running Gag bei uns und außerdem absolut unwahr, denn O. ist sehr toll. Jetzt gerade aber mag ich sie am allermeisten dafür, dass sie mir in ihren Korrekturen IMMER dazu schreibt, ich soll die Akzente selber nochmal checken, denn sie kommt mit ihrer deutschen Tastatur nicht klar und ist sich auch so nicht so sicher, wie man auf französisch schreibt. Genau das hab ich gebraucht. Danke O., Du machst Französisch wieder sympathisch!
Es ist spät in der Bar. Ich sitze nicht mehr, sondern hänge schon längst in einem der bequemen Sessel, weil keiner mehr da ist, der Anstoß daran nehmen könnte. Von den vielen Freunden sind schon fast alle gegangen, außer mir und S. sind nur M. und A. noch da. Aber die sitzen nicht bei uns, sondern in einer anderen Nische der Sofalandschaft und reden leise miteinander. Sie sitzen so nahe zusammen, dass ich kurz überlege, ob sich da was anbahnt und versuche, meine Aufmerksamkeit nicht bemerkbar werden zu lassen, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen.
Zurück zum Gespräch mit S. S. hat lange schwarze Haare und trägt dunkle Band Shirts von Metal Bands mit lustigen Logos. Cool lustig, nicht so wie die T Shirts, die man im Nanu Nana kaufen kann. Sieben Bier sind für ihn nicht viel, was man ihm langsam ansieht und er wird mal ein ausgezeichneter Mathelehrer, weil er nicht nur so gut erklären kann, sondern auch viel besser fluchen als seine Schüler. Sie werden ihn lieben und ich will, dass mein Kind mal in seine Klasse geht. Außerdem will ich mit ihm auf Klassenfahrt fahren, wenn es mal soweit ist. Er sagt, ich solle mich hinten anstellen. Neben Mathe hat S. viele Talente. Er ist unglaublich lustig, ist bemerkenswert sattelfest in umfassenden Zitaten von allem, was er je sah und hörte und er bringt es regelmäßig fertig, sich von Wildfremden auf der Straße grundlos zusammenschlagen zu lassen. Außerdem liebt er sowohl richtig gute, als auch richtig schlechte Filme (von der Sorte "Zombiepiratenemanzen vs. Nazivampirdinosaurier im Weltall" Teil 1 bis 6 - er kennt sie alle)
Wir liegen also in den Kuschelsesseln der Stammkneipe und reden. Über die Sinnlosig- versus Zweckhaftigkeit von Horoskopen und dem Muttertag (als Soziologin vertrete ich natürlich die Ansicht, dass alles eine soziale Funktion hat, sonst würde es nicht existieren), wir reden über Blumen und die Bedeutung derselben für Männer und Frauen. (Als Frau vertrete ich natürlich die Ansicht, dass ... wisst schon.) Da sagt er etwas sehr schönes, was ich hier eigentlich erzählen wollte. Er will mir zeigen, dass ein Strauß Blumen, an einem bestimmten Tag scheiße ist und nicht von Herzen kommt und erzählt, dass er mal in ein Mädchen sehr verliebt war und ihr, als spontanen Ausdruck seiner Gefühle eine Brennessel vom Wegesrand geschenkt hat.
Ich kenne S. seit zwei Jahren - dies war das erste Mal, dass er über ein Mädchen aus seiner Vergangenheit gesprochen hat.
Ich habe noch gar nicht erzählt, dass mein Exfreund, der es hier nie zu einem kreativeren Spitznamen als "Fka" gebracht hat, zurück in meinem Leben ist. Seit der Trennung auf einem verschneiten Rostocker Hinterhof haben wir fast zwei Jahre lang im gleichen Viertel gewohnt, aber kein Wort miteinander gewechselt. Dann hat eine gemeinsame Freundin eine Party gegeben und uns beide eingeladen. Zack. So einfach geht das.
Der Abend davor, die S-Bahn Fahrt, das war schon ein bisschen merkwürdig. Aber dann war er da und ich war da und eine Freundin war da und dazu kam ein Grinsen und der Abend wurde nett. An diesem Abend wurde, so schien es mir, nicht nur eine Menge angestautes Eis, sondern auch eine Art Fluch gebrochen.
Aus der realen Person Fka war in den letzten Jahren ein Phantom, ein Schatten geworden. Eine Menge Grübellei und Erinnerungen haben etwas geschaffen, was mit dem Menschen überhapt nichts mehr zu tun hatte, das nicht lebendig war, sondern in meinen Gedanken gefangen. Und ich in ihm. Den richtigen Menschen wieder vor mir zu haben, war eine Erleichterung. Ein Lächeln statt der albtraumhaften Fratze, zu der die unschönen Umstände ihn in der Erinnerung gemacht haben, Wiedersehensfreude, statt dem für mich immer nachhallenden Wunsch, mich aus seinem Leben zu entfernen, und – als kleines Schmankerl - abschätzige Kommentare über Dinge, die ich mag und die in mir das beste aus dem Spektrum der „ich treffe meinen Ex wieder“ Gefühle gegeben hat: das angenehme Schulterzucken und Hinweggehen über Dinge, die früher nicht gepasst haben, jetzt aber egal sind.
Das alles ist so wichtig für mich. Wie sehr ich das gebraucht habe, ein Brechen des eisigen Schweigens, eine Versöhnung, ein minimaler Kontakt – das merke ich erst jetzt, wo die Zeit im kommunikativen Exil vorbei ist. Das Phantom ist entmystifiziert und entstaubt: kein grinsendes Ungeheuer mehr und keine tragische Gefühlsleiche – und meine Seele ist um einige Dämonen leichter.