Hausarbeiten. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, kritischer Theorie, Marx, Existenzialismus und Phänomenologie ist spannend, aber auch schwierig und verwirrend. Heute ist dann endlich der Tag, an dem die kleine Phae entdeckt hat, dass man auch als Student schwierige philosophische Sachen ganz prima mal in "Sofies Welt" nachschlagen kann und endlich einmal in leicht erklärt bekommt.
Und dass die Mitbewohnerin nicht nur dieses Buch, sondern praktischerweise auch noch "Das Kapital" im Regal stehen hat und mir einen Gang zur Bibliothek erspart. Ich freu mich.
Manchmal wäre ich gerne zwei Personen. Die eine würde ganz normal mein Leben weiterleben und die andere würde den ganzen Tag hinter mir herräumen: Mein Zimmer, meinen Schreibtisch, meine Wohnung. Vielleicht auch meine Papiere ordnen und das Katzenklo sauber machen. Wir beide wären die ganze Zeit voll beschäftigt.
Wow, das hat ja geklappt. Extra mal früh ins Bett gegangen (und mit früh meine ich Null Uhr) und dann nochmal das Licht angemacht, um den Wecker von neun auf acht Uhr zu stellen. Sind ja Einschreibungen, heute. Ups. Und dann um Sieben, bei hellem Sonnenschein gutgelaunt aufgewacht. Begeistert.
Scheißdreck. Ich habe viel wertvolle Hausarbeitszeit geopfert, um eine Rezension (oder das, was ich damit meine) über Charlotte Roches Feuchtgebiete zu schreiben und jetzt ist alles weg. Fuckfuckfuck.
Das werde ich mir nicht nochmal antun, ihr müsst Euch mit folgendem begnügen:
- Jaaa, klingt ganz schön eklig, was man so von dem Buch liest. Fand ich auch erst. Bleibt auch so. Ist aber doch zu ertragen, finde ich. Aber lieber nicht beim Lesen essen.
- Mehr als einmal hat die Autorin, finde ich, sehr recht und hoffentlich bringt das Buch ganz viele Menschen dazu, nachzudenken. Und miteinander zu diskutieren.
-
Bei dem vielen Gerede über die detailverliebte Behandlung, die die diversen Körperöffnungen und -flüssigkeiten in diesem Buch bekommen, vergessen die Medien ganz den tragischen Hintergrund der Geschichte. Es geht um die seelischen Traumata eines Scheidungskindes, um tiefe Traurigkeit und was passiert, wenn man in der Familie über schlimme Sachen nicht spricht. Hat mich viel mehr beeindruckt, als die bahnbrechende Erkenntnis, dass manche Menschen ihre Popel essen.
- Charlotte Roche ist sehr toll.
Es ist diese Sorte genialer Samstag: wir sind zu Hause, der Tenor surft, ich surfe, im Fernsehen läuft das Pro Sieben Samstagsprogramm. Wir haben unsere erste Woche als frischgebackenes Fernbeziehungspärchen hinter uns gebracht und genießen jetzt ganz neue Dimensionen der Freizeit: rumgammeln wie eh und je, aber viel harmonischer und qualitativer, weil jetzt selten.
Phae: Hey. Du hast mir noch gar nicht zum Frauentag gratuliert.
Der Tenor: Hallo.
...
Phae: *starrt den Tenor an*
Der Einzug meiner (hyper)aktiven Mitbewohnerin hat positive Nebenwirkungen und so gehe ich nun einmal die Woche Schwimmen. Dabei ist mir gestern aufgefallen, was für ein hässliches Tier die Gattung Mensch doch eigentlich ist. So ganz ohne Fell und Stoff sehen wir sehr komisch, faltig-verknautscht aus und nicht wirklich schön. Allesamt. Ich meine nicht die besonders hässlichen, die ganz alten oder sehr dicken, oder die mit starken Hautproblemen, ich meine alle. Menschen, in ihrer ungewöhnlich nackten Gesamtheit, in allen ihren Variationen, sehen aus, wie das Produkt eines Züchters mit sehr zweifelhaftem Geschmack. Ein bisschen wie diese armen Hunde, deren Haut viel zu groß ist. Sie sind unförmig und überall ragen merkwürdige Körperteile aus ihnen hervor. Witzig.
Gefreut habe ich mich dann trotzdem, als nach einigen Bahnen im Nebenbecken ein Team von Jungen Männern mit ihren Turmspringübungen anfing. Was für ein Spaß. Und wie süß, all die Mädchen, die in meinem Becken auf einmal am Rand hingen und ganz ungeniert das Schwimmen Schwimmen sein ließen, um den Jungs zuzusehen. Ich nehme das als ein Zeichen für erfolgreiche Emanzipation* und freue mich auf die nächste Woche.
* Apropos Emanzipation: Ich habe Karten für die Lesung von Charlotte Roche und freue mich daher auch auf den Samstag.
Gestern im Kino Keinohrhasen geguckt. Es war ein wunderschöner Abend, neben uns saßen sehr nette Leute, wir haben viel gelacht... aber der Film war ja mal doof. Eine so einfallslose, ausgelutschte und platte Handlung so unrealistisch zu erzählen, das muss man erst mal hinkriegen. Die Pointen wirkten wie eine säuberliche zusammengetragene Sammelausstellung der Höhepunkte des Humors der vergangener Dekaden, da hat fast nichts gefehlt. Trauriger, absoluter Höhepunkt: die Autofahrt zum Krankenhaus. Klar, wenn ich ein verletztes Kind im Wagen hab, setz ich mich auch erst mal ans Steuer, obwohl ich keinen Füherschein hab und werf dann noch aus Eitelkeit meine Brille weg.
Aber es gab auch Gutes. Nora Tschirner, natürlich, und die Optik im Allgemeinen. Viel Sonne, schöne Farben, schöne Orte, schöne Kleider und schöne Wohnungen. Gucken hat Spaß gemacht und gelacht haben wir ja auch viel. Es gibt nette Stellen und die sind auch gut verteilt. Und ich mag Til Schweiger und seine Filme. Aber mit Ruhm bekleckert hat er sich mit diesem nicht gerade, man man.
Wenn man erst mal damit anfängt...
I.: naja.
I.: hähähä
I.: gnarr
I.: platsch
I.: das ist dadaismus =)
Selbiges Gespräch ging dann über andere Themen weiter. Nicht mehr relevant, aber quoteable.
L. : duuuu?
Phae: jaaa?
L. : wie geht man richtig mit männern um?
Phae: Uff
L. : ich weiß
Phae: Ich find diesen Lebensentwurf ganz sinnvoll, mit ner Menge anderer Frauen auf eine Insel zu ziehen und da zu bleiben...
Eigentlich wollte ich noch einen kleinen Bericht über das Konzert gestern Abend schreiben. Aber das ist gerade unnötig geworden, ich kopier einfach das Gespräch mit L., die mir die Karte geschenkt hat:
[13:39] L. : huhu :)
[13:39] Phae: Hallo :)
[13:40] Phae: Willste Berichterstattung für gestern Abend? ;)
[13:40] L. : jaaa
[13:40] Phae: *g* War sehr cool
[13:40] L. : :)
[13:41] L. : und jetzt hast du drei neue lieblingsbands? ;9
[13:41] Phae: hmm, zwei :)
[13:41] L. : welche?
[13:41] Phae: Eskobar machen nette Musik, aber sie haben das Prinzip des Abends nicht verstanden
[13:41] L. : ;)
[13:41] L. : das heißt?
[13:42] Phae: Naja, es hat ja der gewonnen, der am meisten das Haus gerockt hat
[13:42] Phae: Und Eskobar... kann man vielleicht gut zum Autofahren hören
[13:42] L. : na deswegen spiel ich ja nich gleich andere musik :)
[13:42] Phae: Nee, aber die hatten so einfach mal keine Chance
[13:42] Phae: Vielleicht wurden sie auch nur nicht gut ausgesucht
[13:42] Phae: Aber der Sänger sieht irgendwie nett aus ;)
[13:42] L. : hihi
[13:43] L. : jaja, die skandinavier wieder
[13:43] Phae: Ja, ist ja nichts neues
[13:43] L. : und, moneybrother gewonnen?
[13:43] Phae: Ja, klar
[13:43] Phae: Wobei die Konkurrenz hart war
[13:43] L. : :)
[13:43] Phae: Cinematics sind ja mal voll cool
[13:43] L. : echt?
[13:43] Phae: Aber hallo
[13:43] L. : cool
[13:43] L. : wusst ich nich
[13:43] Phae: Vor dem Sänger hab ich ein bisschen Angst
[13:43] L. : *g*
[13:43] Phae: Der sieht auch cool aus, aber er könnte verrückt sein
[13:43] Phae: Der hatte diese Donny Darkow Ausstrahlung
[13:43] L. : oha
[13:44] Phae: Und er hat als erstes gleich mal am Mikro vorbei ins Publikum gebrüllt
[13:44] Phae: Sah aber cool aus ^^
[13:44] Phae: Überhaupt sahen die cool aus
[13:44] Phae: Sehr schottisch - wie Privatschüler *g*
[13:44] L. : hehe
[13:45] Phae: ("Kunden, die früher Harry Potter gelesen haben, mögen heute..." ;) )
[13:45] L. : hihi
[13:45] Phae: Die sind auch mehr abgegangen, als der Moneybrother. Da war mehr los, fand ich
[13:46] Phae: Aber das kann auch sein, dass das war, weil da diese _furchtbaren_ Schüler hinter mir standen
[13:46] Phae: Die riesigen, bulligen Jungs wissen ja wenigstens, wie man richtig pogt - aber diese kleinen, ausgelassenen Mädchen sind tödlich
[13:47] Phae: und dann hatten die auch noch Papphüte auf und Tröten mit dabei gehabt, sehr dumme Sachen gesagt und die schlimmste Lache der Welt gehabt
[13:47] Phae: Irgendwann ist dann auch mal Schluss ;)
[13:47] L. : der mund muss dann mal zu sein
[13:47] Phae: Richtig
[13:47] Phae: Bei Moneybrother haben sie sich zum Glück weiter nach vorne gedrängelt
[13:48] Phae: Aber dann wars bei uns auch etwas langweilig - nur Wipper um mich rum, keine Hüpfer
[13:48] Phae: naja
[13:48] Phae: Dafür hat der mich dann echt überrascht. Ich dachte immer, joooar, der singt hoch und macht so harmlose, schöne Musik...
[13:48] Phae: und dann geht der so ab, mannometer
[13:49] L. : aber hallo, da is voll party
[13:49] Phae: Und er hatte einen sehr coolen Saxophonspieler und fast alle Jungs aus der Band mussten die Vocals singen und zwar scheiße hoch und sie sahen dabei oft sehr schmerzerfüllt aus. unser Tenor ist da ja mal gar nichts gegen :D
[13:50] Phae: Hihi, und ganz zu anfang, haben sie zu einem Refrain leise gemacht und das Mirko ins Publikum gehalten. Und KEINER hat den Text gekonnt. Das war echt witzig :D
[13:49] L. : hihihihi
[13:50] Phae: Und Bands, die ein Klavier dabei haben, haben für mich ja sowieso schon mal gewonnen ;)
[13:50] L. : na klar
[13:50] L. : och fein
Joar. Damit ist eigentlich alles gesagt.
Jetzt, wo ich so drüber nachdenke, kann ich mir nicht erklären, warum ich hier fast noch nie davon erzählt habe.
Dass S. der Farbenfreund damals gestorben ist, war ein bisschen komisch, denn eigentlich hatten wir die ganze Zeit Angst um das Leben von jemand anderen. Das klingt sehr dick aufgetragen aber ich kann mich noch daran erinnern, dass ich genau das zu einer Freundin gesagt habe. "Da machen wir uns monatelang Sorgen, dass M. sterben könnte und S. ist auf einmal tot."
M. war komisch, als sie zu uns kam. Sie war die ungewöhnliche Kombination aus schwarzer Kleidung und Make Up, einem Nasenpiercing und einem glockenhellen, fröhlichen Lachen, viel guter Laune und quriligem Rumgehüpfe. Ich glaube, meine Lieblingserinnerung an die Zeit davor war, als wir alle an einem Sommerabend vor dem Lieblingsclub gesessen haben und ihr Freund aufeinmal laut aufschrie, weil sie ihm in einem Anfall von Lebenslust in die Hand gebissen hatte. Glockenhelles Lachen erklang.
"Angst um das Leben von jemand anderem"; "an einem Sommerabend"; "Glockenhelles Lachen" - oh man. Aber ich hab meine traurige Musik angemacht, es wird nicht besser, glaub ich.
Es hat viel zu lange gedauert, bis wir was gemerkt haben. M. war verrückt und quirlig und Vegetarierin. Dann war sie Veganerin. Sie hat den ganzen Schultag damit verbracht, die kleinen weißen Hautfetzen von einer Mandarine abzuzupfen, bis sie irgendwann gegessen hat. Manchmal hat sie noch ein paar Stücke abgegeben. Mit vierzehn habe ich in Sugar und 16 all diese Berichte über Magersucht gelesen, mit 18 habe ich nichts verstanden. Wenn sie Veganerin sein wolle, müsste sie besser auf sich aufpassen, haben wir ihr gesagt. Sojamilch! Tofu! Dafür fehle ihr das Geld, hat sie geantwortet und wir haben ernsthaft überlegt, zusammenzulegen und ihr einen Präsentkorb mit veganischem Bioessen zu kaufen. Rührend und saublöd waren wir damals.
Irgendwann ist sie endlich ins Krankenhaus eingeliefert worden, da waren wir auch dumm und dachten, dass sie jetzt gesund werden muss. Und dann ist der S. gestorben, am Tag vor ihrem Geburtstag, wo wir sie alle besuchen wollten. "Da sieht man wieder mal, wie egoistisch Selbstmord doch ist"; hat Bree in der letzten Woche im Fernsehn gesagt und der Gute wird sich gefallen lassen müssen, dass sie hier zitiere.
In den nächsten Wochen habe ich viel gelernt. Fürs Abi natürlich, irgendwie ging es ja weiter. Aber ich habe auch gelernt, dass man Therapien abbrechen kann, dass man die Beutel mit dem Nährbrei auf dem Klo auskippen kann, dass man ganz viel Tee trinken kann, der die Nährstoffe wieder ausspühlt. Und dass das Wissen, mit dem man seinen Körper reduziert weit über den Möglichkeiten der Bewachung duch die Krankenschwestern so einer Abteilung für innere Medizin überwiegt, wo die ganz schweren Fälle, die man erst mal ein bisschen am Leben erhalten muss, hinkommen. Sollte ich je den Wunsch haben, selbst magersüchtig zu werden, muss ich mich gar nicht erst in diesen Internetforen belesen, ich weiß jetzt schon, wie es geht.
So weit so gut. Wir hatten Abi, M. hat überlebt. Und auch Abi gemacht, wie auch immer sie das hingekriegt hat. Wie die Geschichte ausgegangen ist, ist der wirklich krasse Teil. M. lebt. Sie studiert an der gleichen Universität im gleichen Semester wie ich. Sie wohnt in meiner Stadt, ein paar Straßen von hier entfernt. Wir haben Kontakt, wir sehen uns selten. Und jedes Mal sieht sie dünner aus. Wie sie es schafft, diesen Zustand seit drei Jahren aufrecht zu erhalten, jeden Morgen aufzustehen und irgendwie durch die Uni zu kommen, wie sie es schafft, auch noch einen Job anzunehmen - ohne Therapie, ohne Gesundungskarriere und mittlerweile fast ohne Freunde oder soziale Kontakte - das ist der Teil, den ich nicht verstehe. Ich wärhenddessen habe es geschafft, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass das Mädchen mit dem glockenhellen Lachen von damals nicht mehr mehr wird, dass sie irgendwann verschwunden sein könnte. Ich habe es nicht aufgegeben, an sie zu denken und nach ihr zu fragen, ihr zu schreiben, mich mit ihr zu verabreden und mich unter fadenscheinigen Ausreden von ihr versetzt zu werden. Aber ich habe es fast aufgegeben, nachts um sie zu weinen und fürchterliche Angst zu haben. Es wird wohl stimmen, dass man sich an alles gewöhnt.
Aber zwischen diesem und dem letzten Jahr habe ich den Fka zum ersten Mal wieder gesehen und länger mit ihm geredet. Und er hat mir erzählt, dass er nicht mehr kann, dass er kurz davor ist, aufzugeben. Es geht nicht mehr. Vor allem kann er nicht hart und erbarmungslos sein, er kann nicht über das reden, was in spitzen Knochen aus ihr heraus sticht und nicht zu übersehen ist. Das ist sehr schlimm denn der Fka und ich, wir sind alles, was ihr geblieben ist. Und ich habe in dieser Sache ein bisschen auf ihn und ihre sehr alte Freundschaft vertraut, womit ich es mir bestimmt zu einfach gemacht habe.
Ich erzähle das alles jetzt, weil ich M. gerade einen Brief geschrieben habe. Ich habe ihr geschrieben, dass ich nicht mehr damit umgehen kann, wie wir ihre Krankheit und ihre Probleme seit Jahren tabuisieren und über meine Probleme reden, wenn wir uns schreiben, aber nicht über ihre. Jetzt, wo ich weiß, dass der Fka - der sonst immer sehr gerne erbarmungslos ehrlich zu den Menschen war und seine Meinung in sehr unschönen Worten großzügig verteilte, es nicht kann, muss ich es wohl endlich tun. Ich habe eine Menge sehr harter und sehr ehrlicher Dinge geschrieben, ich habe Wörter wie "psychische Störung" und "Magersucht" benutzt und es ist ein bisschen schwierig, solche Briefe zuende zu schreiben und abzuschicken. Aber eben gerade hab ich es gemacht.