verschicken einem Nachts erfreuliche Simpsons-Zitate. Ich leite meins mal weiter.
"Homer, ich habe jemanden gefunden, der dir helfen kann!"
"Batman?"
"Nein, er ist Wissenschaftler."
"Batman ist Wissenschaftler."
"Es ist aber nicht Batman!"
Sie ist schon so ein bisschen eine Lady. Sie schreibt Postkarten, auch wenn sie gar nicht weggefahren ist, sie bringt hin und wieder Blumen mit, um sich für ihr ständiges zu spät kommen zu entschuldigen, oder einfach so, sie und ihre Wohnung haben Stil und sind echt schick. Die Möbel sind weiß, die Bücher in ihrem Regal Weltliteratur, an den Wänden keine Poster, sondern Kunst. Sie mag Kunstbände und Jazz, sie sagt "meine Liebe" und wenn sie uns zu sich einlädt, gibt es mindestens drei Gänge. Sie geht gerne ins Theater und damit meine ich, dass sie es nicht nur theoretisch gerne mag, so wie ich, sondern dass sie wirklich oft hingeht.
Sie wird Hauptschullehrerin.
Das hat mir Sorgen gemacht. Wie ihr Stil da wohl hinpasst, wie sie sich durchsetzen wird, wie bestehen. Kinder können so grausam sein. Im Café, in das wir nach dem Theaterbesuch gegangen sind, hat sie mir erzählt, dass sie das Gefühl hat, als Hauptschullehrerin viel wichtigere Arbeit leisten zu können. "Da sind doch die Schüler, bei denen das wirklich wichtig ist, dass sie gute Lehrer haben." Eine wichtige Aufgabe. Eine Herausforderung. Mir hat ihre Einstellung Mut gemacht, in meiner Sorge um sie.
Zuversicht klingt so oft so naiv. Aber was sonst bleibt den Jungen übrig?
Als ich ganz klein war, und die Musik mochte, die morgens beim Frühstück im Radio kam, war ich ein großer Fan der Prinzen. Es war die Zeit von "Alles nur geklaut", ich konnte das ganze Lied mitsingen und fand es toll. Ich habe mir eine Gruppe junger Männer, die im Radio Musik machen dürfen und "Die Prinzen" heißen, auch genauso vorgestellt. Schicke, hünsche Jungs, fein angezogen. Dass sie keine goldenen Kronen und Mäntel anhatten, damit habe ich gerechnet, ich dachte wohl mit meinen 6 Jahren eher an Sakkos, so wie mein Bräutigam Ken sie hatte. Als ich ein Bild der Prinzen sah, war ich geschockt. Pummelig, lange Mähnen und rot gefärbte Haare. Das sollten Prinzen sein?! Meine Toleranz für punknahe Kleidungsstile hielt sich im Grundschulalter in Grenzen, die Tatsache, dass Musiker nicht "schick", sondern "schluderig" aussahen, hat mich ziemlich desillusioniert.
An die kleine Phae muss ich denken, als ich auf dem staubigen Rest einer Wiese sitze, zusammen mit 25 000 anderen Menschen die Geschehnisse auf Bühne und Videoleinwand verfolge. Beim diesjährigen High Field Festival bei Erfurt sind nämlich fast alle großen Bands im Anzug aufgetreten: Kaiser's Orchestra, the Killers, the Hives, The International Noice Conspirancy und zumindest Rod von den Ärzten. Die - nahezu gesamte - Indierockszene sieht derzeit aus wie mein Bräutigamken aus Weichplaste und ist hübsch anzusehen. Der kleinen Phae wären die Ohren weggeflogen, aber wahrscheinlich hätte sie sich gefreut.
Die große Phae - und das ist ihr etwas peinlich - hat sich gelangweilt. Ich werde einsehen müssen, dass ich Indierock theoretisch mag, praktisch kann ich mir schöneres vorstellen, als mit dreckigen und betrunkenen Jugendlichen drei Tage im Schlamm zu wühlen. Vielleicht gibt es ja doch Sachen, die ganz ohne Alkohol und Drogen keinen Spaß machen.
Die großen, kommerziellen Festivals, mit den dicken, fetten Bands - das weiß ich jetzt - sind also nichts für mich. Im nächsten Jahr bleibe ich lieber bei den kleineren, individuellen. Kennt jemand eines in Frankreich?
Dieser Sommer war ganz schön voll, bis jetzt. Englandreise, zwei Festivals (ein kleines und ein großes) und eine aufregende Reise in die wunderbare Welt des Ruhmes mit den großartigen Freunden des gemeinsamen Gesangs. Jetzt bin ich wieder zu Hause und nutze den Rest diesen Sommers, um mich auf die Verteidigung meiner Abschlussarbeit und den darauf folgenden Lebensabschnitt vorzubereiten. Noch ein Abenteuer: Endlich geht es nach Frankreich!
Die Katze nervt. Sie beißt und kratzt und ein "Biff! Verdammt! ... Scheißvieh!" klingt hin und wieder aus dem Nebenzimmer. Eben aber wollte das Gefluche gar nicht mehr aufhören, der Kater fauchte und es ging drunter und drüber.
Es stellt sich raus: Er hat eine Fledermaus gefangen. Seit Investition in eine Leiter darf der Kater tasüber auf dem Dach spielen und heute hat er Beute gemacht.
Ich mag Fledermäuse sehr und es tut mir leid, dass wir das kleine Pelzgeschöpf trotz hohem Engagement meiner Mitbewohnerin (schütteln, schimpfen, Wasser auf der Katze auskippen) nicht retten konnten. Aber ein bisschen bin ich auch stolz auf den Fellfreund. Ich hatte bezweifelt dass der Domnestizierte überhaupt noch was fangen könnte und siehe da, er kriegt sogar was, was fliegt.
Und zur Belohnung ist er nun nass und verwirrt. Der Arme. Die Mitbewohnerin muss sich auch erst langsam wider beruhigen. Sie mag Tiere. So sehr, dass sie den Kater wütend angeschrien hat, vorhin. "Fledermäuse stehen doch unter Naturschutz!
Ich wollte mir mal ein T-Shirt drucken lassen, auf dem steht: "Ihr beide solltet einfach mal darüber reden. Echt jetzt." Das ist genau das, was ich fast immer sage, wenn irgendwer Probleme hat: Lehrerelternfreund. Oder mit Mitbewohnern, selbstredend. Ich entschuldige mich schon dafür, immer das gleiche zu sagen, aber es ist eben wirklich immer das naheliegenste, wirksamste. Seid ehrlich und redet darüber! Wehrt Euch, sprecht es an, findet raus, was der andere sich dabei denkt. Irgendwie ist das immer der Schlüssel, die Lösung auf alle Probleme. (Und wenn sie es nicht ist, werde ich das nie erfahren, weil die Menschen das ja so ungern tun. Bevor sie zu ihrem Lehrernelternchefs gehen, beschweren sie sich lieber bei Menschen wie mir.)
Ich selbst fahre mit dieser Methode - so ich denn den Mut finde, sie anzuwenden - ziemlich gut und weit. Bis... ja, bis jetzt.
Mein T-Shirt und ich scheitern da wiederholt an einem Problem, an dem das mit dem ehrlichen Reden, dem Konfrontieren nicht hilft. Glauben wir.
Da ist dieser dicke Junge, den keiner mag. Wenn man genau hinsieht, hat das nichts mit seinem Aussehn zu tun, auch wenn er das wahrscheinlich denkt. Sondern mit seinem Verhalten: er nervt. Er nervt alle und immerzu, es wird beständig schlimmer. Er ist laut, will lustig sein, versagt grandios, er hält sich nicht an die Grenze des persönlichen Freiraums, überschreitet sie permanent, piekst und stubst in einer Tour, ist aufdringlich und unangenehm. Es ist ein Teufelskreis: er verhält sich so, weil er unsicher ist, er kann nicht anders, er weiß nicht, wie man es besser hinkriegt, das mit dem Beliebt- oder Akzeptiert sein. Dass er durch sein Verhalten allen auf den Geist geht, kann er nicht sehen, dass sie deswegen so genervt sind, versteht er nicht. Doch er merkt, dass sie es sind, was ihn verunsichert und lauter macht, verzweifelter.
Die Spirale zieht ihn und uns nach unten und ist bald am Ende angekommen. Es ist durchgedrungen zu ihm, das ich ihn nicht mag. Das ist der Beweis, darauf hat er gewartet. Grund genug für ihn, die Gemeinschaft zu verlassen, die ihm aber so wichtig ist. Keiner möge ihn dort, hat er einem Freund erklärt, die Zeit sei gekommen zu gehn. Und ich fühl mich schlecht.
"Hör mal J., es ist nicht wirklich so, dass niemand dich mag. Du gehst nur allen so auf die Nerven, dein Verhalten ist furchtbar und aufdringlich, deine Witze sind schlecht. Hör auf, unsere Aufmerksamkeit zu erzwingen, hör auf Harmonie erkämpfen zu wollen, sei nicht mehr laut, sei nicht mehr peinlich, halt für eine Weile den Mund und bitte gewöhn Dir wieder ab, diese geschwollenen Satzberge zu konstruieren, Du lebst nun mal nicht im lyrischen Mittelalter und das hier ist kein Rollenspiel. Dann darfst Du auch bleiben und dazugehören, dann wirst Du akzeptiert und nicht nur geduldet. Und keiner verdreht mehr die Augen, wenn Du was sagt, versprochen. Halt einfach eine Weile den Mund und guck den coolen Kids zu, wie sie es anstellen, gemocht und angelacht zu werden. Okay?"
Das ist theoretisch die Sorte Ehrlichkeit, die ich für geeignet halte, die Welt zu verbessern. In allen Fällen, außer diesem: wenn ein Mensch nervt. Und das passiert in meiner Erfahrung gar nicht so selten: Menschen, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, weil sie es nicht schaffen, hineinzugehören. Hlft man denen mit konstruktiver Kritik? Es ist hart, aber ist es nicht eine Chance, etwas zu verändern und zu lernen? Ist es nicht hilfreicher und somit fairer, als die Augen zu verdrehen und den anderen bedeutungsvolle Blicke zuzuwerfen - bis der Außenseiter endlich kapituliert und geht, zurück in seine Internetwelt der Nerds und Horste?
Hat jemand ein T-Shirt, auf dem steht, was ich machen soll?
Aus dem Nichts ist sie aufgetaucht, die Lust auf ein paar Stunden Computerspiel. Neverwinter Nights, oder so. Ausgerechnet jetzt, wo ich bei meinen Eltern bin. Mist.
Kennt nicht zufällig jemand irgendwelche Online-Alternativen, oder?
Wenn ich nicht halbzufällig mit meiner Freundin L. heute in der Fußgängerzone unterwegs gewesen wäre, hätte ich gar nicht gemerkt, dass der junge Mann mit der Gitarre auf dem Uniplatz Joey Kelly gewesen ist. Oder Jimmy? Mist, da hört es schon auf... Ich hätte mich nur gewundert, warum ein Straßenmusiker ein so aufmerksames Publikum bekommt und an die Wandermusikanten bei den Gilmore Girls erinnert gefühlt. Aber L. will Musikjournalistin werden und fand die Kellys früher ganz toll - deswegen ist unser geplantes Mittag bei Subways auch ausgefallen und wir haben dem kleinen, unscheinbaren Mann mit der Pigmentstörung an den Händen und dem Strohhut zugehört. Es war nett und Leute haben im 20 Cent Stücke zugeworfen. L. hat Fotos mit ihrem Handy gemacht und hatte ein bisschen Mühe, ihre Aufregung zu verbergen.
Irgendwann wurde es mir zu kalt und zu hungrig - ich habe meine liebe Freundin mit ihrem Einverständnis stehen gelassen und bin zu meinem Fahrrad durch die Fußgängerzone zurückgebibbert. Da saß dieser kleine Junge mit dem Akkordeon. Er war höchstens neun Jahre alt und ich dachte, wie unfair es war, dass er Konkurrenz von Joey oder Jimmy Kelly hatte und die Leute an ihm nur vorbei gingen. Dabei hat er alle Menschen im Vorbeigehen angestrahlt. Er saß da mit seinem Akkordeon und hat immer wieder aufgeblickt und den Menschen in die Augen gegrinst. Das können nicht viele. Aus dem wird noch mal was. Hat mich viel mehr bewegt.
Lesen hier Rostocker mit? Die sollen heute Abend alle zu Supershirt gehen! Irgendwann spät auf der Lohro Bühne der HanseSail.
Das war jetzt ganz schön hanseatisches Vokabular. (Wußtet ihr, dass man aus den Buchstaben von Rostock ganz leicht Ost-Rock machen kann? Das hat Farin Urlaub entdeckt...) Übersetzung ins Hochdeutsche: Die HanseSail ist eine große Rostocker Hafenveranstaltung. Es gibt viele Segelschiffe aus aller Welt, viele Stände mit Klimbim am Stadthafen, viel fettiges Essen und unglaublich viele Touristen. Eine Million werden in diesem Jahr erwartet. In anderen Städten heißt sowas Hafengeburtstag (Hamburg) oder Kieler Woche.
Lohro ist das Rostocker Lokalradio und ziemlich toll - man kann es guten Gewissen auch Internethörern in Restdeutschland empfehlen. Es kann schon mal passieren, dass Nachrichtensprecher ins Kichern ausbrechen oder Komoderatoren während einer abendlichen Metallsendung in endlose Nerdwitze verfallen - aber es ist selbstgemacht, jeder kann mitmachen und es kommt Musik - richtige Musik. Die klingt manchmal komisch, weil die Redakteure eben spielen, was sie wollen, dafür ist es nicht dieser Mainstreamquatsch, vergrätzt mit unmöglichem, niedrigem gut gelauntem Moderatoren Quatsch, den alle Welt so hasst. Außerdem ist es eine nahrhafte Quelle der Medienerfahrung für ganze Horden von PraktikantInnen und für selbige ein netter Einblick und -stieg in die örtliche Musikszene. Die nicht zu verachten ist.
So. Jetzt nämlich Supershirt. Die gehören zu selbiger Szene, sind nämlich eine Rostocker Band, ein Duo, zwei Jungs, die mittlerweile aber nach Berlin emigriert sind. Des großen Geldes wegen, wahrscheinlich. Die machen Elektro, vielleicht Elektrorap. Ich mag kein Elektro, ich mag Musik. Dachte ich zumindest vorher. Aber mein Freund S. sagt, man muss jeder Musikrichtung eine Chance geben - das sagt Professor Irgendwas von der HMT, der (Rostocker) Hochschule für Musik und Theater nämlich auch. Deswegen wundern sich auch immer alle, was der S. so alles hört und mag, weil er eigentlich so sehr nach Metal aussieht.
Zurück zu Supershirt. Erstmal haben die Texte. Und die sind toll. Dann machen sie einfach mal was anderes: als Konsumentin von hauptsächlich Indiekonzertmusik war es für mich eine ganz neue Erfahrung, mal nicht die gewohnte Gitarre-Bass-Schlagzeug Kombination auf der Bühne zu sehen, sondern einen Knaben mit nix und einen mit Laptop und Keyboard. Und dann: die ganze Bühne voller Spielzeug. Es gibt eine Tanzmatte mit witzigen Soundeffekten, es gibt einen Power Rangers Helm, Megaphone, Pipelines zur Schnapsversorgung des Publikums, blitzende Handscheinwerfer, Neonknicklichter, die damit endlich einen Sinn gefunden haben - und und und und und. Ist ja nicht so schlimm, dass die Jungs mit Instrumenten nichts am Hut haben, sie haben ihren PC und jede Menge Spielzeug dabei - charmanteste Nerdmusik. Und doch eben Musik - zwischen all dem Spielkram geben die beiden dann ordentlich Gas, springen, tanzen, singen und schreien - man muss sich das Wort "rocken" verkneifen, es ist ja Elektro. Der letzte gute Grund, sich Supershirt mal (= heute Abend auf der HanseSail) anzusehen sind die beiden Jungs - Henry und Henning - selbst. Witzige, beste Freunde auf der Bühne sind ein Konzept, das in der Musikgeschichte schon häufiger funktioniert hat (ehrlich gesagt fällt mir nur eine Band ein - aber die ist die beste der Welt) und was in der Schule wahrscheinlich nervige Hochbegabung oder Aufmerksamkeitsdefizit war, ist zwischen schnellen Beats, Space-Stimmen und Echoeffekten genau richtig aufgehoben.
Wen ich noch nicht überzeugt habe, der guckt und hört nochmal in die Homepage und MySpace Seite der Jungs rein und dann sehen wir uns heute Abend vor der Lohorbühne beim Mau.
Gegen Ende der Zeit der Pauschalurlaube mit meinen Eltern habe ich gedacht, dass Rucksacktourismus die für mich perfekte Art ist, Urlaub zu machen und fremde Länder kennenzulernen. Denke ich auch immer noch. Mitlerweile ist diese Einstellung aber durch die Erkenntnis bereichert, dass Rucksacktourismus und Roadtrips anstrengend sind - und das allgemein verachtete Am-Pool-liegen-und-nichts-tun zwar kulturell anspruchslose, aber ganz verlockende Elemente des Urlaubskonzeptes sind. Uff.
Bevor es zurück in die Hansestadt geht, fahre ich noch zu einem Mini-Festival, wo ich beabsichtige, genau das nachzuholen: auf der Wiese liegen und nichts tun. Außer vielleicht, die Cosmopolitain zu lesen, die ich am Flughafen für mein vorletztes britsiches Geld zu kaufen. Das wird ein Spaß.
Das letzte Geld haben wir im "Marks&Spencer - Simply Food" ausgegeben - für Sushi.